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Jun

Vitamin A – Mangel an der Wurzel packen

Über die Jahrzehnte wurde von vielen Akteuren schon so einiges versucht, um Vitamin A-Mangel (VAM) in Tansania zu mindern und schliesslich auszumerzen. Erste Bemühungen wurden im Jahr 1987 unternommen, als Kindern in medizinischer Versorgung, die unter durch VAM bedingten Krankheiten litten, Vitaminzusätze dieses Nährstoffes verabreicht wurde (Masanja et al. 2006). Seit diesem Zeitpunkt ist nichts unversucht geblieben. Vitamin A Supplementation (VAS) wurde in die Routineuntersuchungen für Frauen nach der Geburt, sowie für Kinder im Alter von 9 Monaten in Verbindung mit der Masernimpfung, integriert. Im Jahr 2001 führte UNICEF landesweit halbjährliche VAS für Kinder von 6 bis 59 Monaten ein, was von einer Kampagne begleitet wurde, uth4m die Öffentlichkeit für das weitverbreitete Problem zu sensibilisieren. Diese halbjährliche Versorgung mit Vitamin A wird auch heute noch durchgeführt (Masanja et al. 2006). Nicht zuletzt gibt es ausserdem seit 1990 Versuche, sogenannten „Goldenen Reis“ (GR) zu entwickeln und auf dem Markt einzuführen. Das Ziel dabei ist es, diese Art der Mangelernährung ein für allemal zu besiegen, indem das Grundnahrungsmittel Reis durch biotechnologische Verfahren mit erhöhten Mengen von Beta-Carotin (das dann vom Körper in Vitamin A umgewandelt wird) versehen wird (Nash 2000). Aufgrund verschiedener Ursachen, unter anderen technische Herausforderungen, rechtliche Hürden und öffentlicher Widerstand, hat GR seinen Weg aber (noch?) nicht in die Felder der Bäuerinnen und Bauern in den betroffenen Regionen gefunden (Philpott 2016). Kritiker haben zu Recht auch darauf hingewiesen, dass durch die alleinige Erhöhung der Menge an Beta-Carotin in Reis das Problem VAM nicht gelöst werden kann. Vitamin A ist ein fettlöslicher Nährstoff und kann deshalb vom Körper nur in Verbindung mit einem Fettlieferant aufgenommen werden (TNNS 2014). Allerdings mangelt es den vorherrschenden Ernährungsweisen in den von VAM betroffenen Gebieten oft auch an anderen Nährstoffen und Fett ist einer davon. Dies ist ein Faktor, der die Aufnahme vermindern kann (Nestle 2011).

Trotz all dieser Bemühungen und verschiedenen Strategien ist VAM immer noch ein Problem in Tansania. Ein beträchtliches zudem: Ein Drittel der Kinder im Alter von 6 bis 59 Monaten und ein Drittel der Frauen von 15 bis 49 Jahren in Tansania litten im Jahr 2014 immer noch an VAM (UNICEF). VAM ist nicht nur die „Hauptursache von vermeidbaren Erblindungen von Kindern im globalen Süden“ (Mullins 2011), sondern ist auch verantwortlich für ein „erhöhtes Krankheits- und Todesrisiko durch schwere Infektionen wie Durchfall und Masern“ (WHO). Diese anhaltende Rate an VAM offenbart die thzumindest teilweise Unwirksamkeit der bisher ergriffenen Massnahmen: Während VAS im Sinne eines weitmaschigen Netzes bestimmte Personengruppen nicht erreicht, steht GR immer noch rechtlichen und technischen Hürden gegenüber und wird deshalb in naher Zukunft nicht als tragfähige Lösung verfügbar sein. Aufgrund des Fehlens einer derzeit verfügbaren und umfassenden Lösung, ist es deshalb wichtig, das Problem anders anzupacken, und zwar an den Wurzeln: Vitamin A ist in vielen Wurzelgemüsen und anderen Gemüsesorten enthalten, die auch in Tansania erhältlich sind. Vorallem solche, die orange und dunkelgrün sind, verfügen über hohe Mengen an Vitamin A: Süsskartoffeln, Karotten, Kürbis, Mangos, Grünkohl und Spinat sind nur ein paar Beispiele auf dem Spektrum von Lebensmitteln, die reich an Vitamin A sind (NIH). Wenn diese regelmässig und in Kombination mit einer Fettquelle – zum Beispiel ein paar Tropfen Öl oder ein Stück Avocado – verzehrt werden, kann eine ausreichende Vitamin A-Versorgung des Körpers unterstützt werden, während die Erblindung von Kindern vermieden und Kindersterblichkeit reduziert werden kann (WHO). Zahlreiche tierische Produkte sind ebenfalls exzellente Vitamin A-Lieferanten (NIH). Da sie aber für von VAM betroffene Personen oft nicht erschwinglich sind, können sie nicht Teil einer weitreichenden Lösung sein.

Es hat Anstrengungen gegeben, unter der breiten Öffentlichkeit und unter Arbeitenden im Gesundheitswesen das Wissen über VAM zu vertiefen (vergleiche zum Beispiel Kidala et al. 2000). Diese Strategie muss allerdings von der Bereitstellung von th2Mitigationsinstrumenten begleitet werden, sodass die Betroffenen die Zügel selbst in die Hand nehmen können: Es sollte an die Eigeninitiative der Leute appelliert werden und das Pflanzen von Gemüse und Früchten im eigenen Garten gefördert werden. Dies kann eine fundamentale Vitamin A Quelle darstellen. Vorteile von selbstgezogenen Alternativen, die die Supplementations-Kampagnen ergänzen, sind vielseitig: Die Selbstversorgung hat eine grössere Reichweite als die traditionelle VAS, die nur auf Kinder und Frauen in einem bestimmten Alter abzielt. Sie kann zudem den generellen Früchte- und Gemüseverzehr steigern und diversifizieren und somit einen Beitrag zu einer ausgeglichenen Ernährung darstellen. Und sie stellt die regelmässige Versorgung mit pflanzlichen Lebensmitteln zu relativ niedrigen Kosten sicher. SAT nimmt hierbei die Rolle des Ausbildners ein, der Kleinbäuerinnen und –bauern mit Wissen und Unterstützung in biologischen Anbaumethoden zur Produktion von Vitamin A-reichen Lebensmitteln zur Seite steht und mit ihnen etwaige Herausforderungen überwindet.

Die Stärke dieses Ansatzes liegt in seinem ganzheitlichen Fokus und in seinen direkten und nachhth1altigen Auswirkungen. Er packt nicht nur VAM an den Wurzeln, sondern verbessert auch die Ernährungssicherheit und leistet einen Beitrag zu einer ausgeglichenen Ernährung von Kleinbäuerinnen und -bauern. Zudem kann dadurch sogar eine zusätzliche Einkommensquelle geschaffen werden. Anstatt also das Problem, eine aufgrund verschiedener Faktoren unausgeglichene Ernährung, zu isolieren und dessen Symptome, VAM, zu bekämpfen, kann man auch an der Wurzel ansetzen. Das ist genau das, was SAT entschieden hat zu tun, indem sie Kleinbäuerinnen und –bauern befähigt, sich selbst zu helfen – und dabei mehrere Probleme auf einen Streich angeht.

Dieser Artikel ist Teil einer Serie über Ernährungsfragen im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit und der von SAT geleisteten Arbeit, geschrieben von Karin Augsburger, einer Volontärin bei SAT.

 

Referenzen:

Kidala Diana et al., Five-year follow-up of a food-based vitamin A intervention in Tanzania, in: Public Health Nutrition 3 (2000), 425-431.

Mullins Jolene und Laura Ehrlich, Assessment of the National Vitamin A Supplementation and De-worming Program in Tanzania. Strategies for VAS and De-worming Distribution in Tanzania. Five Year Plan, in: http://www.a2zproject.org/pdf/TanzaniaVASDAssessmentStrategicPlan.pdf, 08.04.2016.

Nash J. Madeleine, This Rice Could Save a Million Children a Year, in: TIME. http://content.time.com/time/magazine/article/0,9171,997586-3,00.html, 06.04.2016.

National Institutes of Health (NIH), Vitamin A. Fact Sheet for Health Professionals, in: https://ods.od.nih.gov/factsheets/VitaminA-HealthProfessional/, 08.04.2016.

Nestle Marion, Genetically engineered “golden” rice unlikely to overcome vitamin A deficiency, in: Journal of THE AMERICAN DIETETIC ASSOCIATION, 101³ (2001), 289-290.

Philpott Tom, WTF Happened to Golden Rice?, http://www.motherjones.com/tom-philpott/2016/02/golden-rice-still-showing-promise-still-not-field-ready, 04.04.2016.

Tanzania Food and Nutrition Centre (TFNC), Tanzania National Nutrition Survey 2014. Final Report, 2014.

UNICEF, http://www.unicef.org/tanzania/nutrition.html, 04.04.2016.

WHO, http://www.who.int/nutrition/topics/vad/en/, 06.04.2016.

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